Sie sind hier: Startseite / Wissenswertes / Suizidprävention / Wissenswertes / Humor in der Krise – Oft reicht auch schon ein Lächeln

Humor in der Krise – Oft reicht auch schon ein Lächeln

Interview mit Sepp Gröfler, Leiter der Telefonseelsorge.

In schwierigen Zeiten hilft es, Situationen aus humorvollen Perspektiven zu betrachten. Auch die Forschung bestätigt, dass Humor die seelische Widerstandskraft stärkt und ein wirksames Mittel gegen die Herausforderungen des Alltags ist. Sepp Gröfler, Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg, über den Einsatz und die Wirkung von Humor in der Krise. 

Krisen sind ernst und machen betroffen. Dabei Humor einzusetzen, klingt im ersten Moment abwegig. Wie kann Humor in der Krise zum Einsatz kommen?

Humor ist für mich ein Universalheilmittel, das in der Krise sogar doppelt so viel Berechtigung hat. Wenn das Leben einem die schwärzesten Stunden um die Ohren haut, sollte man sich fragen: Wo gibt es eine kleine Insel, an der ich mich festhalten kann? Und die kann unter Umständen der Humor sein. Zum Beispiel ein Lächeln, es kann genauso gut ein Clip sein, den man sich im Internet ansieht, ein Gespräch mit einem Freund oder eine nette Geste.

Was kann Humor bewirken?

Humor bewirkt, dass man zu Atem kommt. Er kann für eine Auszeit sorgen und auch ein Zeitgewinn sein. Er kann dabei helfen, dass man den Fokus wieder auf andere Dinge richtet. Denn Humor hilft dabei, Distanz zu einer Situation zu gewinnen. Wenn es einem gelingt, in der Krise etwas Heiteres zu finden und mal über sich selbst zu lachen, dann erlaubt das aus der Situation auszusteigen.

Welche Arten von Humor können in der Krise wirksam sein?

Viele denken, Humor heißt Witze erzählen. Dies ist eine Form von Humor, jedoch nicht die einzige. Für mich ist Humor ganz breit gefasst. Die kleinen Dinge des Alltags bringen mich am ehesten wieder zu mir selbst. Die duftende Blume auf dem Tisch, das Lächeln eines Fremden im Supermarkt oder ein freundliches Wort – das ist für mich alles schon Humor. Das ist natürlich nicht bei allen Leuten gleich. Jemand der in seinem Alltag ironisch unterwegs ist, findet vielleicht auch in der Krise eher Halt in der Ironie. 

„Humor nimmt Beziehung auf“ – Wie und welche Wirkung kann Humor in der Krisenintervention haben?

Ich glaube, dass ein Mensch in der Krise dringend Anbindung braucht. Man kreist dann nur noch um sich selbst. Es fehlt der Boden unter den Füßen. Zu spüren, dass man nicht alleine ist, ist schon eine große Hilfe. Wenn man es schafft, dass das Gegenüber sich wohlfühlt, ist schon viel gewonnen. Dabei kann Humor helfen. Er signalisiert auch, dass ich keine Angst vor den Problemen meines Gegenübers habe.

Wie hast du den Humor für dich entdeckt?

Ich bin im Gastgewerbe groß geworden, da ist immer ein Schmäh gelaufen. Ich bin also früh mit Humor sozialisiert worden. Humor ist für mich ein Enteiser, der es schafft, gute Laune zu verursachen und Beziehung zu anderen Menschen herzustellen. Er kann Blitzableiter und Entlastung sein. Und grundsätzlich gilt für mich: Mit einem Lächeln kommst du weiter als mit einem grantigen Gesicht.

Wie finde ich meine persönlichen Quellen zum Humor?

Humor braucht Pflege – er kommt nicht von selbst. Er braucht einen aktiven Teil und Zeit. Ich zum Beispiel habe ein Humor- Tagebuch. Da schneide ich Sachen aus Zeitungen aus, sammle Postkarten, Cartoons und ähnliches – das ist ein bisschen Arbeit, aber die lohnt sich. Man kann sich auch fragen: Was bereichert mich? Was bringt mich zum Lächeln und was zum Lachen? Es hilft auch, etwas langsamer durch die Welt zu gehen, um die Ironie, die es überall gibt, wahrzunehmen. Man muss „Ja!“ zum Humor sagen, eigene Schranken öffnen und sich selbst weniger ernst nehmen. So kann Heiterkeit und Leichtigkeit in den Alltag kommen.